Deutsch - Baltischer Freundeskreis in Baden Württemberg e.V.

Deutsch - Baltische Landsmannschaft

Klein aber fein – die Deutsch – Balten


Zusammenstellung durch Coelestine,Magnus und Peter Heinichen unter Verwendung verschiedener Quellen u.a. M.von Hirschheydt: „Vergängliches–Bewahrendes-Zukunftträchtiges“,1975


Klein, aber fein – die Deutschbalten“, ein Titel, der ein wenig reizt – provoziert wäre wohl zu viel gesagt. „Ja was soll das denn heißen?“ „Moment einmal,  wo kommen diese Deutschbalten eigentlich her und welche Wertvorstellungen haben sie?“ könnten Fragen jüngerer Leute lauten.

Vor dem zweiten im Baltikum ausgetragenen Spektakel des „Grand Prix de la Chanson 2003“ hätte mancher bei Baltikum vielleicht auf Balkan getippt oder schlicht die Achseln gezuckt, vor allem nach dem 2.Weltkrieg Geborene, die den damaligen "famosen" Geschichts-unterricht genossen haben. Aber dann – nach diesem TV Event – dann hatte man wenigstens schon einmal gehört von Estland und Lettland – aber Riga lag immer noch sonst wo und Reval war allenfalls eine deutsche Zigarettenmarke.


Ja wo liegt es denn nun?“

Stellen Sie sich die Landkarte vor:

etwas rechts…..Danzig – Königsberg und dann leicht rechts oben drüber die Länder Litauen, Lettland, Estland.

Von drei baltischen Staaten ist eigentlich erst seit 1989 die Rede. Wir sprechen vom estnischen und lettischen Siedlungsgebiet, das vor 1918 zum russischen Zarenreich gehörte.

Vorherrschende Religion evangelisch-lutherisch.


Das Siedlungsgebiet der Litauer gehört dagegen seit der polnisch-litauischen Union von 1385 in den polnisch-katholischen Zusammenhang und grenzt sich deutlich von der Herrschaft des Deutschen Ordens in Preußen und Livland ab. Zu Livland gehören Teile Estlands und Lettlands. Historisch haben in Estland und Lettland Deutsche, Dänen, Schweden und Russen ihre Spuren hinterlassen.Die Beziehungen zu Deutschland sind sozusagen uralt :  anno1201 erfolgte die „Aufsegelung“ Livlands durch Bischof Albert von Buxhoeveden aus Bremen und die Gründung der Stadt Riga an der Düna.


Bereits im Jahre 1285 erhielt Reval/Tallinn in Estland lübische Stadtrechte.

Die Deutschbalten bilden die Oberschicht bis etwa 1918 durch den grundbesitzenden und staatstragenden Adel, die Pastoren, die Literaten, die Kaufmannsgilden und die Handwerkerzünfte und halten sozusagen die Fäden in der Hand.

Zwischen 1817 und 1820 wird die Leibeigenschaft in Estland, Kurland und Livland abgeschafft, in Russland erst später.Von 1710 an sind die baltischen Länder russische Ostseeprovinzen. Viele Deutschbalten dienen loyal dem Zaren als Offiziere und auch als Verwaltungsbeamte. 1905 erschüttert eine erste (russische) Revolution das feste Gefüge. Die Verwaltung der russischen Ostseeprovinzen wird bis 1918 durch die vier noch bis heute existierenden deutschbaltischen Ritterschaften (Estland, Livland, Kurland und Oesel) wahrgenommen.


Im ersten Weltkrieg um 1917/18 wird das Baltikum durch deutsche Truppen besetzt. 1918 erklären Estland und Lettland ihre Unabhängigkeit. Die Schicksalsjahre 1918-1919 bringen einen Einbruch sowie den Verlust des deutschbaltischen Einflusses, zumal auch der Grundbesitz enteignet wurde. Es gibt eine erste größere Rückwanderungswelle ins deutsche Reich vor allem in  Adelskreisen.  1918-1920 findet der Freiheitskrieg der Esten, Letten und Deutschbalten gegen die Bolschewisierung statt. Von 1918 bis ca. 1940 sind Estland und Lettland selbstständige Staaten mit Sitz im Völkerbund.     


Der Molotow-Ribbentrop-Pakt, auch genannt Hitler–Stalin-Pakt mit seinen geheimen Zusatzprotokollen, die Finnland, Estland, Lettland und auch Litauen zur sowjetischen Interessensphäre schlagen, wird 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion geschlossen. Die Sowjetunion zwingt Finnland, Estland, Lettland und Litauen Beistandspakete auf, stationiert Truppen in großer Zahl und nimmt Estland, Lettland und Litauen 1940(sie nennen es „freiwillig“) in den Staatenbund der Sowjetunion auf. Sehr viele Esten und Letten werden nach Sibirien verschleppt oder fallen dem Terror anheim.

1939 werden die Deutschbalten aus Estland (rund 13700 Personen) und aus Lettland (rund 51000 Personen) umgesiedelt, insgesamt 64700 Personen. Etwa 12500 Menschen  bleiben aus den unterschiedlichsten persönlichen Gründen zurück.Nach kurzfristigem Aufenthalt in meist pommerschen Zwischenquartieren kommen die Umsiedler entgegen mancher ursprünglichen Erwartungen nicht etwa „Heim ins Reich“, sondern in die sogenannten „eingegliederten Ostgebiete“ : rund 11000 in den Reichsgau Danzig-Westpreußen und rund 51000 in den Reichsgau Wartheland (auch Warthegau), nachdem zuvor die bisherigen polnischen und jüdischen Bewohner in das Generalgouvernement (Polen) abgeschoben und ihre Wohnungen, Häuser, Güter und Arbeitsplätze „freigemacht“ worden waren. Von Augenzeugen wissen wir, dass manche Wohnungen noch warm waren und die dampfende Suppe auf dem Tisch stand…..Wir wissen auch, das viele „Neubesitzer“ sich nur als Treuhänder für die „Altbesitzer“ fühlten und sahen und das Unrecht, das man diesen angetan hatte, als solches wahrnahmen.


Im Frühjahr 1941 erfolgt die Nachumsiedlung von rund 17500 weiteren Personen aus Estland und Lettland, von denen 5000 als Nichtdeutsche bezeichnet wurden. Die Nachumsiedler wurden ausschließlich im Altreich untergebracht, weil sie als Flüchtlinge eingestuft wurden und nicht als Umsiedler galten. Die deutsche politische Führung misstraute diesen Personen als mögliche sowjetische Spionen und stufte sie als politisch unzuverlässig ein.  


1944/1945 kommt die Rote Armee immer näher und damit auch Schrecken, Terror und Ängste. Viele Deutschbalten versuchen zu fliehen, viele kommen um, viele werden vertrieben.  Sie werden zunächst in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen angesiedelt (ca65%) dann auch in Bayern und Baden-Württemberg, später auch in den übrigen ausschließlich westlichen Bundesländern.  


In den bundesrepublikanischen Schulen wird nach 1950 meist nicht viel über den 2.Weltkrieg berichtet, etwa wie er entstand, wie die politische Landschaft vorher aussah, oder welche Folgen er hatte. Dafür wurden den Schülern die Kollektivschuld am Kriege, am Holocaust und an seinen übrigen grauenhaften Begleiterscheinungen wiederholt vor Augen geführt, ja eingeimpft, während Flucht und Vertreibung als Themen nicht vorkamen, so als habe es sie nie gegeben.  Mindestens zwei ganze Generationen hatte das kollektive Vergessen befallen. Erst heute können sich die Generationen der Kinder und Enkel öffentlich mit diesen Dingen auseinandersetzen.

Die Gesprächssituation heute stellt sich ironisch gesehen so dar: „milde gewordene 68er am Kaffeetisch vereint mit ihren gebrechlichen Altvorderen, die den aufmerksamen Enkel mehr oder weniger präzise erzählen, was sie jahrzehntelang beschwiegen haben.“Vor und während des 2. Weltkrieges wurden Themen durch freiwillige Wahrnehmungsein-schränkungen ausgeblendet, die bewirkten, dass sie in festgefahrenen Formeln verschwanden. Es hieß: „es war nicht nur eine gekränkte, sondern auch eine kranke Generation, die ihr Trauma in einem lärmenden Wiederaufbau verdrängt hatte“.Geschädigt wurden all jene, die diese Zeiten erlebt haben, ganz besonders aber auch Kinder und Jugendliche, die in höchstem Maße Traumata, Ängsten und Frustrationen ausgesetzt waren.*Wie steht es um die Deutsch – Baltische Gemeinschaft?

Die Gründer der Landsmannschaft (die 1.Generation) erleben die Heimat noch zur „guten alten Zeit“ und wachsen in unverrückbaren festen Wertvorstellung auf, die als Standesvorstellung in ganz Europa galten. Die Ehrbegriffe sind streng, so dass die Menschen problemlos zwischen Gut und Böse unterscheiden können.Dabei machen die „Großmut des Herzens“ und der Humor im Umgang miteinander die Bezauberung aus, die von einem Balten ausging.

Die 2.Generation ist im 20. Jahrhundert geboren. Ihre Kindheit fällt in eine unruhige Zeit der Bedrohung, die dafür sorgt, dass diese Menschen zusammenrücken, zusammenhalten und ihre gemeinsame Eigenart stärker betonen.    

Die 3.Generation – Kinder von Flüchtlingen, die nichts haben, nichts sind und zu den Nichtansässigen gehören. Für sie ist das Baltische in jener heiteren, herzerwärmenden, spontanen Geselligkeit zu erfühlen, bei der man sich freut, wenn es baltischen Besuch gibt. Dann wird aufgefahren, gegessen, getrunken, gelacht, philosophiert und sich an Früher und an das Baltikum als ein „Goldenes Land“ erinnert. Die neue Umwelt dagegen wird sehr spöttisch und nachsichtig betrachtet.

Die 4.Generation, in der Bundesrepublik Deutschland geboren, aufgewachsen und integriert. Für sie ist das baltische mit dem Geruch des Anders-Seins und oder des Anders-Sein-Wollens behaftet. Diese gewisse Exklusivität, hebt sich aus der Masse heraus und bestätigt sie in ihrer Individualität. Sie möchten nicht  in der pluralistischen Massen- Konsumgesellschaft untergehen, sondern suchen Orientierung und Maßstäbe, wollen sich außerdem auch heimisch fühlen.  

Ähnlich geht es mit der mittlerweile entstandenen 5. Generation.

Deshalb ist es kein Zufall , dass die sogenannten „Baltischen Werte“ wie Verantwortung für die Schwächeren übernehmen, Dienst am Land oder der Gemeinschaft ausüben, persönliche Anständigkeit, Geist, Humor und persönliche Ausstrahlung sowie Zivilcourage und Bescheidenheit, auch der christliche (meist evangelische) Glaube gerne von den Deutschbalten für sich reklamiert werden. Nebenbei bemerkt fällt es manchen Deutschbalten selbst heute,2015, noch schwer zu erkennen, das nicht nur Deutschbalten Wertvorstellungen haben und nett sind.  

Die Deutschbalten halten zusammen, wobei ihnen die Integration in der Bevölkerung im Süden/Südwesten leichter fällt als im Norden/Nordwesten. Kinder, Enkel und Urenkel finden ihre Freunde und sozialen Bezüge in der neuen Heimat, die so die eigentliche Heimat für sie wird.

Die Nachkommen der Deutschbalten beschreiten heute unterschiedliche Wege: die einen verlegen das baltische Erbteil ins Privatleben (baltische Freunde, baltisches Abendessen, baltische Gastfreundschaft, baltische Familientage, baltisch-christliches Engagement….), andere fühlen sich weiterhin im Sinne der Vorfahren der deutschbaltischen Gemeinschaft verpflichtet und wieder andere wollen ihren Teil dazu beitragen, dass die über 800 jährige deutschbaltische Kultur und Geschichte mit ihren verschiedenen Facetten und Überlieferungen nicht der Vergessenheit anheim fällt. Deshalb engagieren sie sich für unterschiedliche deutschbaltische Initiativen. Das Zusammenleben mit Nichtbalten bringt darüber hinaus manche von ihnen auf den Gedanken, diese ebenfalls für baltische Themen zu interessieren.*
Klein, aber feinso der Anfang.
Zahlenmäßig „klein“ ist die Gruppe der Deutschbalten im Vergleich zu anderen Landsmannschaften.   „Fein“ steht für das Herkommen aus einer ehemals führenden großbürgerlichen/bürgerlichen Schicht.Wegen dieses Herkommens gibt es bei den Deutschbalten weder (bäuerliche)Folklore, Trachten noch Volkstänze, dafür aber eine eher bürgerlich/städtische Kultur mit Literatur, Sprache „gewürzt“ mit feiner Ironie, Musik, Theater und Bällen mit Gesellschaftstänzen wie Francaise und anderen sowie einer internationalen Küche mit baltischen, russischen, deutschen und auch französischen Elementen – nicht zu vergessen die unendlichen Anekdoten, die bei uns „Pratchen“ heißen, und Geschichten, die zum Schmunzeln nötigen.

Herzlich willkommen beim Deutsch-Baltischen Freundeskreis in Baden-Württemberg e.V. Deutsch-Baltische Landsmannschaft
i.A. des Vorstandes
Peter Heinichen
Landesvorsitzender

 
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